Teil V – Lastenheft
Anforderungen
Ein gutes MES-Lastenheft beschreibt nicht nur gewünschte Funktionen. Es übersetzt Ziele, Prozesse und Rahmenbedingungen in eindeutige, prüfbare und anbieterneutrale Anforderungen.
Kurzdefinition
Eine MES-Anforderung beschreibt eindeutig, welche fachliche, technische oder organisatorische Leistung eine MES-Lösung erfüllen muss. Sie sollte lösungsneutral, prüfbar, priorisiert und einer Einführungsstufe zugeordnet sein.
Mit der Ist-Analyse, den Projektzielen, der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung, dem Zielbild und den Einführungsstufen ist die fachliche Grundlage geschaffen. Jetzt muss daraus ein Dokument entstehen, mit dem geeignete MES-Anbieter vergleichbar angefragt, Lösungen bewertet und Leistungen später verbindlich beauftragt werden können.
Genau an diesem Punkt entscheidet sich die Qualität der späteren Softwareauswahl. Unklare Anforderungen führen zu Rückfragen, unterschiedlichen Interpretationen und Angeboten, die nur scheinbar vergleichbar sind. Zu detaillierte technische Vorgaben können dagegen sinnvolle Lösungswege ausschließen und den Wettbewerb unnötig einschränken.
Ziel dieses Kapitels
Am Ende dieses Kapitels können Sie fachliche und nicht-funktionale Anforderungen strukturiert formulieren, eindeutig abgrenzen, mit Prüfkriterien versehen und so dokumentieren, dass Anbieter darauf verbindlich und vergleichbar antworten können.
Was eine Anforderung leisten muss
Eine Anforderung beschreibt einen benötigten Zustand, eine Funktion, eine Leistung oder eine Rahmenbedingung. Sie muss so formuliert sein, dass drei Beteiligte dasselbe darunter verstehen:
- der Fachbereich, der den Bedarf hat,
- der Anbieter, der eine Lösung anbietet,
- das Projektteam, das die Erfüllung später bewertet und abnimmt.
Eine gute Anforderung ist deshalb:
- eindeutig: Sie lässt möglichst wenig Interpretationsspielraum.
- vollständig: Die wesentlichen Bedingungen und Ergebnisse sind beschrieben.
- lösungsneutral: Sie beschreibt den Bedarf, nicht vorschnell eine konkrete technische Umsetzung.
- prüfbar: Es ist erkennbar, wie die Erfüllung nachgewiesen werden kann.
- nachvollziehbar: Der Bezug zu Prozess, Ziel oder Problem ist erkennbar.
- abgrenzbar: Sie enthält möglichst nur einen klaren Sachverhalt.
- priorisierbar: Bedeutung und Einführungsstufe können zugeordnet werden.
Aus mehr als 35 Jahren MES-Praxis
Viele Lastenhefte scheitern nicht an fehlendem Fachwissen, sondern an der Formulierung. Begriffe wie „flexibel“, „modern“, „übersichtlich“ oder „automatisch“ klingen plausibel, sind aber ohne konkrete Bedingungen nicht prüfbar. Anbieter können solche Aussagen fast immer mit „erfüllt“ beantworten.
Anforderungen aus dem bisherigen Projektverlauf ableiten
Anforderungen dürfen nicht losgelöst in einem Workshop gesammelt werden. Ihre Quellen liegen bereits in den vorherigen Arbeitsschritten. Jede Anforderung sollte sich mindestens einer fachlichen Grundlage zuordnen lassen.
| Quelle | Beitrag zur Anforderung | Beispiel |
|---|---|---|
| Ist-Analyse | bestehende Probleme, Medienbrüche und Prozessschritte | Rückmeldungen werden erst am Schichtende erfasst |
| Projektziel | angestrebte Verbesserung und Messgröße | Auftragsfortschritt soll innerhalb von fünf Minuten verfügbar sein |
| Handlungsfeld | fachlicher Themenblock | Betriebsdatenerfassung und Auftragsstatus |
| Zielarchitektur | Systemgrenzen, Datenflüsse und führende Systeme | Auftragsstammdaten werden aus dem ERP übernommen |
| Einführungsstufe | Zeitpunkt und organisatorischer Umfang | zunächst Engpassbereich, später gesamtes Werk |
| Risiko oder Regelwerk | zwingende Rahmenbedingung | lückenlose Chargenrückverfolgung für Produktgruppe A |
Diese Rückverfolgbarkeit verhindert Wunschlisten ohne Projektbezug. Sie hilft außerdem, Anforderungen zu streichen, die keinen Beitrag zu den Zielen leisten oder nur persönliche Vorlieben einzelner Beteiligter abbilden.
Funktionale und nicht-funktionale Anforderungen unterscheiden
Funktionale Anforderungen beschreiben, was das System fachlich tun muss. Nicht-funktionale Anforderungen beschreiben, wie gut, unter welchen Bedingungen und in welcher Umgebung es diese Aufgaben erfüllen muss.
| Anforderungsart | Inhalt | Beispiel |
|---|---|---|
| funktional | Funktion, Prozessunterstützung, Datenverarbeitung | Der Werker muss Gutmenge, Ausschussmenge und Ausschussgrund zu einem Arbeitsgang zurückmelden können. |
| nicht-funktional | Leistung, Bedienung, Sicherheit, Betrieb, Skalierung | Eine Rückmeldung muss am Shopfloor-Terminal in höchstens drei Bedienhandlungen möglich sein. |
| Schnittstelle | Datenquelle, Zielsystem, Richtung, Häufigkeit und Fehlerbehandlung | Freigegebene Fertigungsaufträge werden ereignisgesteuert aus dem ERP übernommen. |
| organisatorisch | Leistung des Anbieters oder Voraussetzung des Kunden | Der Anbieter schult mindestens zwei Key-User je Fachbereich. |
| rechtlich und regulatorisch | Datenschutz, Nachweis, Aufbewahrung, Mitbestimmung | Änderungen an qualitätsrelevanten Prüfwerten müssen revisionssicher protokolliert werden. |
Ein Lastenheft, das nur Funktionslisten enthält, bleibt unvollständig. Eine Software kann fachlich alle Häkchen erfüllen und dennoch ungeeignet sein, weil Bedienbarkeit, Antwortzeiten, Rollenmodell, Verfügbarkeit oder Integrationsfähigkeit nicht passen.
Die passende Struktur einer einzelnen Anforderung
Für jede Anforderung sollte eine einheitliche Struktur verwendet werden. Dadurch können Fachbereiche, Anbieter und Bewertungsteam effizienter arbeiten.
| Feld | Zweck |
|---|---|
| Anforderungs-ID | eindeutige Referenz für Rückfragen, Bewertung, Vertrag und Abnahme |
| Titel | kurze Bezeichnung des Sachverhalts |
| Beschreibung | eindeutige Formulierung des benötigten Ergebnisses |
| Auslöser und Prozessbezug | Situation, Rolle oder Prozessschritt, in dem die Funktion benötigt wird |
| Vorbedingungen | Daten, Status oder Ereignisse, die vorhanden sein müssen |
| Erwartetes Ergebnis | fachliches Resultat der Ausführung |
| Prüfkriterium | Nachweis, mit dem die Erfüllung bewertet wird |
| Priorität | Bedeutung für Auswahl und Projektumfang |
| Einführungsstufe | Zeitpunkt der benötigten Umsetzung |
| Quelle und Verantwortlicher | Nachvollziehbarkeit und fachliche Freigabe |
Nicht jede einfache Standardanforderung benötigt einen langen Beschreibungstext. Die Struktur muss jedoch immer so vollständig sein, dass die Anforderung verstanden, beantwortet und geprüft werden kann.
Ein praxistaugliches Formulierungsmuster
Ein bewährter Aufbau lautet:
Formulierungsmuster
Rolle oder System muss in einer definierten Situation eine konkrete Funktion ausführen können, damit ein fachliches Ergebnis erreicht wird. Dabei gelten die beschriebenen Bedingungen und Prüfkriterien.
Beispiel:
Der Werker muss an einem stationären oder mobilen Terminal einen begonnenen Arbeitsgang unterbrechen und einen vorgegebenen Unterbrechungsgrund auswählen können. Beginn, Ende, Dauer, Auftrag, Arbeitsgang, Arbeitsplatz und angemeldete Person müssen gespeichert werden. Die Unterbrechung muss spätestens fünf Sekunden nach Bestätigung im Leitstand sichtbar sein.
Diese Formulierung beschreibt Rolle, Situation, Funktion, Datenumfang und Reaktionszeit. Sie bleibt dennoch lösungsneutral, weil weder Bildschirmaufbau noch Programmiersprache oder Datenbank vorgegeben werden.
User Stories sinnvoll einsetzen
User Stories können helfen, Anforderungen aus Sicht einer Rolle zu formulieren:
User-Story-Muster
Als Rolle möchte ich eine Funktion, damit ein fachlicher Nutzen entsteht.
Beispiel: „Als Fertigungssteuerer möchte ich den aktuellen Fortschritt aller freigegebenen Aufträge sehen, damit ich Terminrisiken frühzeitig erkenne.“
Die User Story allein reicht für ein Lastenheft jedoch meist nicht aus. Begriffe wie „aktuell“, „Fortschritt“ oder „frühzeitig“ müssen konkretisiert werden. Ergänzende Akzeptanz- oder Prüfkriterien sind deshalb erforderlich.
- Welche Aufträge und Status werden angezeigt?
- Welche Mengen und Zeiten fließen in den Fortschritt ein?
- Wie häufig werden die Daten aktualisiert?
- Wie werden Terminrisiken gekennzeichnet?
- Welche Filter und Sichten benötigt die Rolle?
Typischer Fehler
User Stories werden als vollständiger Ersatz für fachliche Spezifikation verwendet. Dadurch bleibt der Nutzen beschrieben, aber Daten, Ausnahmen, Prozessregeln und Prüfkriterien fehlen. Für eine verbindliche Anbieterantwort ist das zu wenig.
Lösungsneutral formulieren
Lösungsneutralität bedeutet nicht, Anforderungen ungenau zu formulieren. Sie bedeutet, das benötigte Ergebnis festzulegen, ohne einen unnötig engen technischen Weg vorzuschreiben.
| Ungünstig | Besser |
|---|---|
| Die Lösung muss eine rote Ampel anzeigen. | Termin- oder Kapazitätskonflikte müssen für den Planer unmittelbar erkennbar und nach Dringlichkeit unterscheidbar sein. |
| Die Daten müssen in einer SQL-Tabelle gespeichert werden. | Produktionsdaten müssen für definierte Auswertungen und Drittsysteme strukturiert und dokumentiert bereitgestellt werden. |
| Der Werker scannt zuerst den Auftrag und danach die Personalnummer. | Auftrag und ausführende Person müssen vor Beginn des Arbeitsgangs eindeutig zugeordnet sein. |
| Es muss eine Excel-Auswertung geben. | Autorisierte Anwender müssen die ausgewählten Kennzahlen in einem weiterverarbeitbaren Tabellenformat exportieren können. |
Technische Vorgaben sind dann sinnvoll, wenn sie aus der Zielarchitektur, aus Sicherheitsanforderungen, vorhandenen Standards oder verbindlichen Rahmenbedingungen entstehen. Sie sollten nicht aus Gewohnheit oder persönlicher Präferenz übernommen werden.
Standardfunktionen und unternehmensspezifische Anforderungen trennen
Viele MES-Funktionen sind in ähnlicher Form bei zahlreichen Unternehmen erforderlich. Dazu gehören beispielsweise Auftragsanmeldung, Mengenrückmeldung, Störgrundauswahl, Maschinenzustände oder Prüfwerterfassung. Diese Standardfunktionen können mit bewährten Textbausteinen beschrieben werden.
Unternehmensspezifisch sind dagegen insbesondere:
- besondere Prozessvarianten und Ausnahmen,
- produktspezifische Rückverfolgbarkeit,
- individuelle Freigaben und Eskalationen,
- bestehende Maschinenprotokolle und Schnittstellen,
- unternehmensinterne Begriffe, Status und Rollen,
- regulatorische oder kundenspezifische Nachweise,
- Auswertungen, die konkrete Entscheidungen unterstützen.
Textbausteine beschleunigen die Erstellung, dürfen aber nicht ungeprüft übernommen werden. Jeder Baustein muss zum tatsächlichen Prozess, zum Zielbild und zur Einführungsstufe passen.
Anforderungen nach MES-Modulen gliedern
Eine modulbezogene Gliederung erleichtert die Bearbeitung und Anbieterantwort. Sie sollte der zuvor festgelegten Zielstruktur entsprechen.
Bereich Produktion
- BDE
- MDE
- Auftragsfeinplanung
- DNC / Einstelldaten
- Werkzeug- und Ressourcenmanagement
- Material- und Produktionslogistik / Intralogistik
- Energiemanagement
- Tracking & Tracing
Bereich Qualität / CAQ
- SPC / Fertigungsbegleitende Prüfung
- Wareneingangsprüfung
- Warenausgangsprüfung
- Reklamationsmanagement
- Prüfmittelverwaltung
- PDV / Prozessdatenprüfung
Bereich Personal
- PZE
- PZW
- PEP
- Leistungslohn
- Zutrittskontrolle
Querschnittsthemen wie Benutzerverwaltung, Rollen, mobile Nutzung, Reporting, Archivierung, Schnittstellen, Betrieb und Informationssicherheit sollten nicht in einzelnen Modulen versteckt werden. Sie benötigen eigene Kapitel, weil sie mehrere oder alle Funktionsbereiche betreffen.
Prozessvarianten und Ausnahmen berücksichtigen
Eine Anforderung darf nicht nur den idealen Standardablauf beschreiben. In der Fertigung treten regelmäßig Ausnahmen auf. Gerade diese Fälle entscheiden darüber, ob ein System im Alltag funktioniert.
Typische Varianten sind:
- Auftrag wird unterbrochen und später fortgesetzt,
- mehrere Personen arbeiten gleichzeitig an einem Arbeitsgang,
- eine Person bedient mehrere Maschinen,
- Material wird ersetzt oder nachträglich umgebucht,
- Teilmenge wird gesperrt, nachgearbeitet oder verschrottet,
- Maschine fällt während eines laufenden Auftrags aus,
- Auftrag wird auf einen anderen Arbeitsplatz verlagert,
- Netzwerk oder Schnittstelle ist vorübergehend nicht verfügbar.
Für wichtige Prozessschritte sollte das Team deshalb systematisch fragen: Was passiert, wenn der Normalfall nicht eintritt? Wer entscheidet? Welche Daten müssen erhalten bleiben? Wie wird der Vorgang später nachvollzogen?
Beispiel: Mengenrückmeldung
Die einfache Anforderung „Der Werker kann Mengen zurückmelden“ ist unzureichend. Zu klären sind unter anderem Teilmengen, Ausschussgründe, Nacharbeit, Korrekturen, Mehrmengen, Rücknahme einer Buchung, Mehrmaschinenbedienung, automatische Maschinensignale und die Übergabe an das ERP.
Datenanforderungen konkret beschreiben
MES-Projekte sind Datenprojekte. Anforderungen müssen deshalb nicht nur Funktionen, sondern auch die benötigten Datenobjekte und deren Qualität beschreiben.
Für jedes wesentliche Datenobjekt sind zu klären:
- welches System führend ist,
- welche Attribute benötigt werden,
- wie Identitäten und Schlüssel gebildet werden,
- wann und in welcher Richtung Daten übertragen werden,
- wie Änderungen und Löschungen behandelt werden,
- wie Fehler erkannt und nachbearbeitet werden,
- wie lange Daten aufbewahrt werden,
- wer für Inhalt und Qualität verantwortlich ist.
| Datenobjekt | Typische Klärung |
|---|---|
| Fertigungsauftrag | Auftragsnummer, Artikel, Menge, Termine, Arbeitsgänge, Status, Priorität |
| Arbeitsplatz / Maschine | Identifikation, Fähigkeiten, Kalender, Kostenstelle, Schnittstelle |
| Personal | Personalnummer, Qualifikation, Schicht, Berechtigung, Datenschutz |
| Material / Charge | Materialnummer, Charge, Menge, Herkunft, Verbrauch, Sperrstatus |
| Qualitätsmerkmal | Prüfplan, Einheit, Sollwert, Toleranz, Reaktionsregel |
Schnittstellenanforderungen vollständig formulieren
Die Aussage „Schnittstelle zum ERP vorhanden“ genügt nicht. Eine Schnittstelle ist erst beschrieben, wenn Inhalt, Richtung, Zeitpunkt und Fehlerbehandlung geklärt sind.
Mindestangaben je Schnittstelle
- Quell- und Zielsystem
- übertragene Datenobjekte und Attribute
- Übertragungsrichtung
- Auslöser und Häufigkeit
- erforderliche Antwort- oder Verarbeitungszeit
- Validierung und fachliche Plausibilitätsprüfung
- Quittierung, Protokollierung und Wiederholung
- Verhalten bei Ausfall oder unvollständigen Daten
- Verantwortung für Betrieb und Fehlerbehebung
Auch vorhandene Standardschnittstellen des Anbieters müssen inhaltlich geprüft werden. Eine technische Verbindung ist nicht automatisch eine fachlich vollständige Integration.
Nicht-funktionale Anforderungen konkretisieren
Nicht-funktionale Anforderungen sind häufig ausschlaggebend für Eignung, Kosten und Betrieb. Sie sollten mindestens folgende Bereiche abdecken:
| Bereich | Beispiele für konkrete Anforderungen |
|---|---|
| Bedienbarkeit | zulässige Bedienhandlungen, Sprache, Rollenansicht, Touch-Nutzung, Fehlermeldungen |
| Leistung | Antwortzeiten, Datenaktualität, Anzahl paralleler Benutzer und Maschinen |
| Verfügbarkeit | Betriebszeiten, Wiederanlauf, Offline-Fähigkeit, Redundanz |
| Skalierbarkeit | Werke, Benutzer, Maschinen, Datenvolumen und Ausbau |
| Sicherheit | Authentifizierung, Berechtigung, Protokollierung, Verschlüsselung |
| Wartbarkeit | Releasefähigkeit, Konfiguration, Monitoring, Dokumentation |
| Kompatibilität | Browser, Endgeräte, Betriebssysteme, Datenbanken, Infrastruktur |
| Archivierung | Aufbewahrungsdauer, Zugriff, Export, Löschkonzept |
Auch hier gilt: „Das System muss benutzerfreundlich sein“ ist keine prüfbare Anforderung. Besser ist beispielsweise: „Ein angelernter Werker muss nach höchstens 30 Minuten Einweisung Auftrag starten, Mengen melden, Unterbrechung buchen und Auftrag beenden können.“
Prüfkriterien direkt mitformulieren
Eine Anforderung ist erst belastbar, wenn erkennbar ist, wie ihre Erfüllung geprüft werden kann. Prüfkriterien helfen bereits bei der Anbieterpräsentation und werden später Grundlage für Test und Abnahme.
| Anforderung | Mögliches Prüfkriterium |
|---|---|
| Auftragsstatus ist aktuell verfügbar. | Eine Rückmeldung wird innerhalb von fünf Sekunden in der Auftragsübersicht angezeigt. |
| Chargen sind rückverfolgbar. | Für eine ausgewählte Fertigteilcharge werden alle verwendeten Materialchargen und Prozessschritte vollständig angezeigt. |
| Planer erkennt Kapazitätskonflikte. | Ein Testauftrag mit Kapazitätsüberschreitung wird automatisch gekennzeichnet und kann nach Ursache gefiltert werden. |
| Offline-Betrieb ist möglich. | Bei simuliertem Netzwerkausfall können definierte Rückmeldungen erfasst und nach Wiederverbindung ohne Datenverlust synchronisiert werden. |
Prüfkriterien müssen realistisch sein. Sie sollten das benötigte Ergebnis absichern, ohne den späteren Test unnötig zu überfrachten.
Priorität und Einführungsstufe getrennt bewerten
Eine hohe fachliche Bedeutung bedeutet nicht automatisch, dass die Anforderung in der ersten Stufe umgesetzt werden muss. Priorität und Einführungszeitpunkt sind zwei unterschiedliche Merkmale.
| Merkmal | Frage |
|---|---|
| Priorität | Wie wichtig ist die Anforderung grundsätzlich für Eignung und Zielerreichung? |
| Einführungsstufe | Zu welchem Zeitpunkt wird die Funktion tatsächlich benötigt? |
Eine gesetzlich notwendige Archivierungsfunktion kann höchste Priorität besitzen, aber erst in einer späteren Stufe benötigt werden. Umgekehrt kann eine einfachere Funktion für den Start zwingend sein, obwohl sie strategisch weniger bedeutend ist.
Dublettten und Widersprüche vermeiden
Bei der Arbeit mit mehreren Fachbereichen entstehen schnell ähnliche oder widersprüchliche Anforderungen. Ein zentrales Redaktionsteam sollte deshalb alle Einträge konsolidieren.
Zu prüfen sind insbesondere:
- gleiche Funktion mit unterschiedlichen Begriffen,
- identische Anforderung in mehreren Modulen,
- widersprüchliche Zuständigkeit führender Systeme,
- unterschiedliche Zeit- oder Statusdefinitionen,
- lokale Sonderwünsche gegen vereinbarte Standards,
- technische Vorgaben, die dem Zielbild widersprechen.
Einheitliche Begriffswelt festlegen
Begriffe wie Auftrag, Los, Charge, Arbeitsgang, Vorgang, Maschine, Arbeitsplatz, Rückmeldung oder Freigabe müssen im Lastenheft eindeutig verwendet werden. Ein Glossar verhindert, dass Anbieter und Projektteam gleiche Wörter unterschiedlich interpretieren.
Anforderungen fachlich freigeben
Jede Anforderung benötigt einen fachlich Verantwortlichen. Dieser bestätigt, dass die Beschreibung den tatsächlichen Bedarf abbildet und nicht nur eine unverbindliche Idee ist.
Ein sinnvoller Freigabeprozess umfasst:
- Erstellung oder Übernahme eines Textbausteins,
- fachliche Prüfung durch Prozesseigner und Key-User,
- Prüfung auf Lösungsneutralität und Testbarkeit,
- Abgleich mit Zielarchitektur und Einführungsstufe,
- Konsolidierung von Dubletten und Widersprüchen,
- Priorisierung und formale Freigabe.
Die Geschäftsführung muss nicht jede einzelne Detailanforderung prüfen. Sie sollte jedoch Umfang, Priorisierungslogik, Muss-Kriterien und wirtschaftliche Auswirkungen freigeben.
Was nicht in eine einzelne Anforderung gehört
Eine Anforderung sollte nicht mit langen Prozessbeschreibungen, Begründungen und technischen Konzepten überladen werden. Diese Inhalte sind wichtig, gehören aber in passende Dokumentteile.
| Inhalt | Besserer Ablageort |
|---|---|
| vollständiger Ist-Prozess | Prozessbeschreibung oder Anlage |
| Projektziel und Wirtschaftlichkeit | Einleitung und Zielkapitel des Lastenheftes |
| Mengen und technische Volumina | Mengengerüst |
| Systemlandschaft | Architektur- und Schnittstellenkapitel |
| allgemeine Vertragsbedingungen | Ausschreibungs- oder Vertragsunterlagen |
| Bewertungslogik | Antwort- und Bewertungsmatrix |
Beispiel einer vollständig formulierten Anforderung
Anforderung BDE-034 – Rückmeldung von Ausschuss
Beschreibung: Der Werker muss während oder beim Abschluss eines Arbeitsgangs eine Ausschussmenge erfassen und einen freigegebenen Ausschussgrund auswählen können.
Vorbedingungen: Person, Auftrag, Arbeitsgang und Arbeitsplatz sind angemeldet. Die Ausschussgründe werden abhängig von Artikelgruppe und Arbeitsgang bereitgestellt.
Erwartetes Ergebnis: Menge, Grund, Zeitpunkt, Auftrag, Arbeitsgang, Arbeitsplatz und Person werden gespeichert. Die Gutmenge darf durch die Ausschussbuchung nicht automatisch verändert werden. Korrekturen müssen berechtigten Rollen vorbehalten und protokolliert sein.
Schnittstelle: Die bestätigte Ausschussmenge und der zugeordnete Grund werden an das ERP übergeben.
Prüfkriterium: In einem Testauftrag werden zwei Ausschussbuchungen mit unterschiedlichen Gründen erfasst, korrigiert und im ERP sowie in der MES-Auswertung nachvollzogen.
Priorität: Muss. Einführungsstufe: 1.
Das Musterwerk erstellt seine Anforderungen
Beispiel: Musterwerk Präzisionstechnik GmbH
Das Projektteam beginnt nicht mit einer allgemeinen Funktionsliste. Es ordnet zuerst die Ergebnisse aus Analyse und Zielbild den Modulen BDE, MDE und Auftragsfeinplanung zu.
Für das Ziel „aktuelle Sicht auf den Engpassbereich“ entstehen Anforderungen zu Auftragsanmeldung, Mengen, Unterbrechungen, Maschinenzuständen und Auftragsfortschritt. Jede Anforderung erhält Prüfkriterium, Priorität und Einführungsstufe.
Die zunächst formulierte Aussage „Maschinendaten müssen automatisch erfasst werden“ wird aufgeteilt. Für jede Maschinengruppe werden benötigte Signale, Zuordnung zu Auftrag und Zustand, Aktualisierungszeit, Ersatzverfahren bei Ausfall und Verantwortlichkeit beschrieben.
Dadurch können Anbieter nicht nur angeben, ob MDE grundsätzlich vorhanden ist. Sie müssen erläutern, wie die konkrete Maschinenlandschaft angebunden wird und welcher Anteil Standard, Konfiguration oder Individualentwicklung ist.
Ergebnis dieses Arbeitsschrittes
Am Ende der Anforderungserstellung sollten mindestens folgende Ergebnisse vorliegen:
- eine einheitliche Anforderungsstruktur mit eindeutigen IDs,
- fachlich vollständige und lösungsneutrale Funktionsanforderungen,
- konkrete nicht-funktionale Anforderungen,
- beschriebene Datenobjekte und Schnittstellen,
- berücksichtigte Prozessvarianten und Ausnahmefälle,
- Prüfkriterien für wesentliche Anforderungen,
- fachliche Verantwortliche und freigegebene Formulierungen,
- Zuordnung zu Priorität und Einführungsstufe,
- ein abgestimmtes Glossar,
- eine konsolidierte und widerspruchsfreie Anforderungsliste.
Arbeitshilfe: Anforderungen prüfen
Prüfliste
- Jede Anforderung besitzt eine eindeutige ID und einen verständlichen Titel.
- Die Formulierung beschreibt einen konkreten fachlichen Bedarf.
- Die Anforderung ist lösungsneutral, soweit keine verbindliche technische Vorgabe besteht.
- Rolle, Auslöser, Vorbedingungen und Ergebnis sind ausreichend beschrieben.
- Wichtige Prozessvarianten und Ausnahmen sind berücksichtigt.
- Datenobjekte, Quellen und führende Systeme sind eindeutig.
- Schnittstellen enthalten Richtung, Inhalt, Zeitpunkt und Fehlerbehandlung.
- Nicht-funktionale Anforderungen sind messbar formuliert.
- Für wesentliche Anforderungen existieren Prüfkriterien.
- Priorität und Einführungsstufe sind getrennt zugeordnet.
- Die Anforderung wurde fachlich geprüft und freigegeben.
- Dublettten, Widersprüche und unklare Begriffe wurden bereinigt.
Ihr Nutzen
Präzise Anforderungen schaffen eine gemeinsame Sprache zwischen Fachbereichen, IT und Anbietern. Sie reduzieren Rückfragen, machen Angebote vergleichbar und bilden die Grundlage für Präsentation, Bewertung, Vertrag, Umsetzung und Abnahme.
Entscheidungspunkt
Sind die Anforderungen so eindeutig, vollständig, priorisiert und prüfbar, dass ein Anbieter seinen Erfüllungsgrad, Lösungsweg und Aufwand verbindlich angeben kann?
Übergang zum nächsten Kapitel
Die Anforderungen beschreiben, was die MES-Lösung leisten muss. Für eine belastbare Ausschreibung fehlen nun noch die quantitativen Rahmenbedingungen und eine nachvollziehbare Bewertungslogik. Das nächste Kapitel behandelt deshalb Mengengerüst und Gewichtung.
Häufige Fragen zu Anforderungen
Was gehört in ein MES-Lastenheft?
Ein MES-Lastenheft enthält funktionale Anforderungen, nicht-funktionale Anforderungen, Schnittstellen, Datenanforderungen, Mengengerüst, Prioritäten, Einführungsstufen und Prüfkriterien.
Warum reichen reine Funktionslisten für ein MES-Lastenheft nicht aus?
Reine Funktionslisten zeigen oft nur, ob eine Funktion grundsätzlich vorhanden ist. Für eine sichere Auswahl müssen Anforderungen prozessbezogen, eindeutig, prüfbar und anbieterneutral beschrieben werden.
Wie werden gute MES-Anforderungen formuliert?
Gute MES-Anforderungen beschreiben Ziel, Auslöser, Prozesskontext, Systemverhalten, Datenbedarf, Ausnahmefälle, Priorität, Einführungsstufe und Prüfkriterium.