Kapitel 3
Online-Fachbuch der MES-Plattform
Teil I – Orientierung

Teil I – Orientierung

Was ein MES leisten kann

Ein MES schafft Transparenz und unterstützt operative Entscheidungen. Der wirtschaftliche Nutzen entsteht jedoch erst, wenn das Unternehmen die gewonnenen Informationen konsequent verwendet.

Viele Erwartungen an ein MES sind grundsätzlich berechtigt. Produktionsaufträge sollen transparenter werden. Stillstände sollen früher erkannt werden. Die Planung soll verlässlicher arbeiten. Qualitätsdaten sollen vollständig vorliegen. Rückfragen, Papierbelege und manuelle Auswertungen sollen abnehmen.

Problematisch wird es, wenn diese Erwartungen zu pauschalen Versprechen werden. Ein MES steigert nicht automatisch die Produktivität. Es verkürzt nicht von selbst die Durchlaufzeit und beseitigt keine organisatorischen Ursachen. Das System stellt Daten bereit, prüft Regeln, meldet Abweichungen und unterstützt Abläufe. Handeln muss weiterhin das Unternehmen.

Ziel dieses Kapitels

Am Ende dieses Kapitels können Sie typische betriebliche Probleme mit geeigneten MES-Funktionen und einem realistischen Nutzen verbinden. Gleichzeitig erkennen Sie, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit aus technischer Transparenz eine messbare Verbesserung entsteht.

Der Nutzen beginnt mit einer konkreten betrieblichen Frage

Die Frage „Was kann ein MES?“ ist für ein Projekt zu allgemein. Nahezu jeder Anbieter kann eine lange Liste möglicher Funktionen zeigen. Für Ihr Unternehmen ist jedoch entscheidend, welches konkrete Problem gelöst oder welche Entscheidung verbessert werden soll.

Eine belastbare Nutzenbetrachtung folgt deshalb dieser Kette:

  1. Welches betriebliche Problem besteht heute?
  2. Welche Ursache steht dahinter?
  3. Welche Information oder Funktion fehlt?
  4. Wie verändert sich dadurch der Arbeitsablauf?
  5. Welcher betriebliche Nutzen kann entstehen?
  6. Wie lässt sich dieser Nutzen später messen?

Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, wird aus einer allgemeinen MES-Funktion ein begründeter Projektbaustein.

Aus mehr als 35 Jahren MES-Praxis

In Anbieterpräsentationen wirkt fast jede Funktion überzeugend. Im Projekt zählt jedoch nicht, wie viele Funktionen verfügbar sind. Entscheidend ist, welche konkrete Verbesserung eine Funktion im jeweiligen Unternehmen ermöglicht und ob die Organisation diese Verbesserung tatsächlich umsetzt.

Transparenz über den Auftragsfortschritt

In vielen Unternehmen ist der aktuelle Status eines Produktionsauftrags nur mit Rückfragen feststellbar. Das ERP zeigt, dass der Auftrag freigegeben wurde. Ob ein Arbeitsgang bereits begonnen hat, warum er unterbrochen wurde oder welche Menge tatsächlich fertig ist, bleibt unklar.

Ein MES kann den Auftragsfortschritt aus Rückmeldungen, Maschineninformationen, Materialbewegungen und Qualitätsstatus zusammenführen. Dadurch wird sichtbar:

  • welche Aufträge und Arbeitsgänge gestartet, unterbrochen oder abgeschlossen sind,
  • welche Gutmengen, Ausschussmengen und Restmengen vorliegen,
  • an welcher Maschine oder welchem Arbeitsplatz gefertigt wird,
  • welche Aufträge warten und aus welchem Grund,
  • ob Qualitätsprüfungen oder Materialfreigaben fehlen,
  • welche Termine gefährdet sind.

Der Nutzen besteht nicht allein in einer übersichtlichen Anzeige. Entscheidend ist, dass Produktionsleitung, Planung und Kundenservice mit demselben aktuellen Datenstand arbeiten. Rückfragen nehmen ab. Abweichungen werden früher erkannt. Entscheidungen können auf belastbaren Informationen beruhen.

Maschinenzustände und Verluste erkennen

Maschinendaten können zeigen, wann eine Anlage produziert, steht, gestört ist oder gerüstet wird. In Verbindung mit Auftrag, Produkt, Werkzeug, Schicht und Störgrund entsteht ein aussagefähiges Bild der tatsächlichen Nutzung.

Ein MES kann unter anderem unterstützen bei:

  • Erfassung und Klassifizierung von Stillständen,
  • Darstellung von Lauf-, Rüst- und Wartezeiten,
  • Ermittlung von Verfügbarkeits- und Leistungskennzahlen,
  • Erkennung wiederkehrender Störursachen,
  • Vergleich von Maschinen, Schichten, Produkten und Zeiträumen,
  • Priorisierung von Verbesserungsmaßnahmen.

Maschinentransparenz führt aber nicht automatisch zu mehr Ausbringung. Sie zeigt zunächst, wo Zeit verloren geht. Erst Maßnahmen an Technik, Materialversorgung, Planung, Rüstung oder Organisation erzeugen die Verbesserung.

Typischer Fehler

Das Unternehmen definiert die Erfassung möglichst vieler Maschinendaten als Projektziel. Es wird jedoch nicht festgelegt, welche Entscheidungen mit diesen Daten getroffen und welche Ursachen anschließend bearbeitet werden sollen.

Planung und Steuerung verbessern

Eine Auftragsfeinplanung kann Aufträge, Arbeitsgänge, Kapazitäten, Termine und Abhängigkeiten zusammenführen. Sie unterstützt die operative Reihenfolgeplanung und macht Auswirkungen von Änderungen sichtbar.

Typische Verbesserungen sind:

  • realistischere Berücksichtigung verfügbarer Maschinen und Arbeitsplätze,
  • Erkennung von Kapazitätsengpässen,
  • Berücksichtigung von Material, Werkzeugen, Personal und Freigaben,
  • schnellere Bewertung von Eilaufträgen und Terminverschiebungen,
  • weniger manuelle Abstimmung zwischen Planung und Fertigung,
  • aktuelle Rückkopplung des tatsächlichen Fortschritts in die Planung.

Der Nutzen entsteht vor allem dann, wenn Planung und Rückmeldung einen geschlossenen Regelkreis bilden. Eine Feinplanung, die mit veralteten Rückmeldungen arbeitet, kann keine verlässlichen Ergebnisse liefern.

Manuelle Erfassung und Abstimmung reduzieren

Viele indirekte Aufwände entstehen nicht an der Maschine, sondern durch Suchen, Nachfragen, Übertragen und Korrigieren. Dazu gehören handschriftliche Rückmeldungen, Excel-Listen, Schichtberichte, Statusabfragen und Mehrfacherfassungen.

Ein MES kann Informationen am Entstehungsort erfassen oder automatisch übernehmen. Daten stehen anschließend mehreren berechtigten Rollen zur Verfügung. Dadurch können entfallen oder sinken:

  • nachträgliches Übertragen von Papierbelegen,
  • manuelle Erstellung wiederkehrender Auswertungen,
  • telefonische Rückfragen zum Auftragsstatus,
  • doppelte Erfassung in mehreren Dateien oder Systemen,
  • Fehler durch Medienbrüche und uneinheitliche Datenstände.

Diese Potenziale werden häufig unterschätzt, weil sie auf viele Mitarbeitende und kleine Zeitanteile verteilt sind. In Summe können sie einen erheblichen wirtschaftlichen Beitrag leisten.

Qualität im Prozess absichern

Qualitätsdaten sind besonders wertvoll, wenn sie nicht erst nach Abschluss eines Auftrags ausgewertet werden. Ein MES oder integriertes CAQ kann Prüfungen zum richtigen Zeitpunkt anfordern, Ergebnisse erfassen und bei Abweichungen reagieren.

Mögliche Leistungen sind:

  • Bereitstellung auftrags- und produktbezogener Prüfpläne,
  • fertigungsbegleitende Erfassung von Mess- und Prüfdaten,
  • Überwachung von Toleranzen und Prozessgrenzen,
  • Sperrung oder Eskalation bei kritischen Abweichungen,
  • Zuordnung von Ausschuss und Nacharbeit zu Ursachen,
  • Verknüpfung von Prüfungen, Chargen, Maschinen und Aufträgen.

Der betriebliche Nutzen liegt in früherer Fehlererkennung, weniger Fehlerfortpflanzung, besserer Dokumentation und schnellerer Ursachenanalyse. Ob Ausschuss tatsächlich sinkt, hängt davon ab, ob aus den Daten wirksame Prozessmaßnahmen abgeleitet werden.

Rückverfolgbarkeit herstellen

Tracking & Tracing verbindet Material, Auftrag, Arbeitsgänge, Maschinen, Werkzeuge, Personen, Prozessdaten und Qualitätsinformationen. Damit kann nachvollzogen werden, was wann, wo und unter welchen Bedingungen produziert wurde.

Das unterstützt unter anderem:

  • Kunden- und gesetzliche Nachweispflichten,
  • schnelle Eingrenzung betroffener Mengen bei Reklamationen,
  • Analyse von Fehlerursachen,
  • Chargen- und Seriennummernverfolgung,
  • Dokumentation verwendeter Materialien und Prozessparameter.

Eine gute Rückverfolgbarkeit reduziert nicht unbedingt die Zahl der Fehler. Sie begrenzt jedoch deren Auswirkungen und verkürzt die Zeit für Analyse, Nachweis und Reaktion.

Material- und Produktionslogistik unterstützen

Fehlendes Material, falsche Bereitstellung und unklare Bestände verursachen Wartezeiten und Terminprobleme. Ein MES kann Materialbedarfe aus dem Produktionsfortschritt ableiten und Bewegungen auftragsbezogen steuern oder dokumentieren.

Dadurch können Materialbereitstellung, Transportaufträge, Zwischenbestände und Verbrauch transparenter werden. Der konkrete Umfang hängt stark von der vorhandenen ERP- und Lagerlösung ab. Deshalb müssen Systemgrenzen besonders sorgfältig festgelegt werden.

Personal und Qualifikationen berücksichtigen

Maschinenkapazität allein reicht für eine realistische Planung nicht aus. Mitarbeitende müssen anwesend, verfügbar und für die jeweilige Tätigkeit qualifiziert sein.

Personalfunktionen können unterstützen bei:

  • Ermittlung verfügbarer Mitarbeitender je Schicht,
  • Berücksichtigung von Qualifikationen und Berechtigungen,
  • Zuordnung von Personen zu Arbeitsplätzen und Aufträgen,
  • Personaleinsatzplanung,
  • Übergabe relevanter Zeiten an Personal- oder Entgeltsysteme.

Datenschutz, Mitbestimmung und die Abgrenzung zu bestehenden HR-Systemen müssen früh geklärt werden.

Kennzahlen aktuell und nachvollziehbar bereitstellen

Ein MES kann Kennzahlen aus operativen Daten automatisch berechnen und in unterschiedlichen Sichten darstellen. Dazu gehören beispielsweise:

  • Auftragsfortschritt und Terminsituation,
  • Maschinenverfügbarkeit und Stillstandsanteile,
  • Gutmenge, Ausschuss und Nacharbeit,
  • Rüstzeiten und Durchlaufzeiten,
  • Produktivität und Leistungsgrad,
  • Prüfstatus und Qualitätsabweichungen.

Die Qualität einer Kennzahl hängt von eindeutigen Definitionen und verlässlichen Eingangsdaten ab. Unterschiedliche Berechnungsregeln führen trotz automatischer Auswertung zu Diskussionen.

Aus mehr als 35 Jahren MES-Praxis

Eine Kennzahl ist nur dann nützlich, wenn klar ist, wer bei einer Abweichung welche Maßnahme einleitet. Dashboards ohne Verantwortlichkeit erzeugen Sichtbarkeit, aber keine Verbesserung.

Problem, Funktion und Nutzen zusammenführen

Betriebliches ProblemMögliche MES-FunktionMöglicher betrieblicher Nutzen
Auftragsstatus ist nur durch Rückfragen bekannt.BDE, Auftragsfortschritt und StatusübersichtWeniger Rückfragen, frühere Erkennung gefährdeter Termine
Stillstandsursachen sind unbekannt.MDE und strukturierte StörgrunderfassungGezielte Maßnahmen an den größten Verlustursachen
Feinplanung erfolgt in mehreren Excel-Dateien.Auftragsfeinplanung mit aktuellen RückmeldungenWeniger Abstimmung, schnellere Umplanung, bessere Terminprognose
Prüfungen werden verspätet oder unvollständig durchgeführt.SPC und auftragsbezogene PrüfplanungFrühere Fehlererkennung und vollständige Qualitätsnachweise
Reklamationen lassen sich nur mit hohem Aufwand eingrenzen.Tracking & Tracing und verknüpfte QualitätsdatenSchnellere Analyse und Begrenzung betroffener Mengen
Material fehlt ungeplant am Arbeitsplatz.Material- und ProduktionslogistikWeniger Wartezeiten und transparentere Bereitstellung
Planung berücksichtigt Qualifikationen nicht.PEP und QualifikationszuordnungRealistischere Einsatzplanung und weniger kurzfristige Umbesetzung
Schichtberichte werden manuell erstellt.Automatisierte Auswertung und ReportingWeniger administrativer Aufwand und einheitliche Datenbasis

Beispiel: Musterwerk Präzisionstechnik GmbH

Bei der Musterwerk GmbH fragt die Produktionsplanung mehrmals täglich telefonisch nach dem Stand wichtiger Aufträge. Die ältere BDE liefert Rückmeldungen erst verspätet. Maschinendaten sind nur an einzelnen Anlagen verfügbar. Qualitätsfreigaben werden in einem separaten System dokumentiert.

Das geplante MES soll deshalb zunächst nicht „alle verfügbaren Funktionen“ einführen. Die erste Nutzenkette lautet:

  1. Auftrags- und Maschinenstatus aktuell erfassen,
  2. Qualitätsfreigaben mit dem Auftragsstatus verknüpfen,
  3. gefährdete Termine in der Feinplanung sichtbar machen,
  4. Rückfragen und manuelle Statuslisten reduzieren.

Der erwartete Nutzen wird später anhand eingesparter Rückfragezeit, früher erkannter Terminabweichungen und reduzierter Stillstandsanteile wirtschaftlich bewertet.

Was für die Nutzenrealisierung zusätzlich notwendig ist

Auch eine fachlich passende MES-Lösung erzeugt nur dann Wirkung, wenn das Unternehmen die organisatorischen Voraussetzungen schafft.

VoraussetzungWarum sie notwendig ist
Klare ProzesseDas System muss einen abgestimmten Ablauf unterstützen und darf keine ungeklärten Varianten automatisieren.
Verlässliche StammdatenArbeitspläne, Ressourcen, Zeiten und Zuordnungen bestimmen die Qualität von Planung und Auswertung.
Eindeutige VerantwortlichkeitenAbweichungen müssen bearbeitet und Daten gepflegt werden.
Akzeptierte RückmeldeprozesseUnvollständige oder verspätete Rückmeldungen verhindern aktuelle Transparenz.
Definierte KennzahlenBerechnung und Interpretation müssen unternehmensweit einheitlich sein.
Konsequente MaßnahmenErkannte Verluste führen erst durch konkrete Verbesserungen zu wirtschaftlichem Nutzen.
Qualifizierung und KommunikationAnwender müssen verstehen, warum Daten erfasst und wie sie genutzt werden.

Typischer Fehler

Der erwartete Nutzen wird vollständig der Software zugerechnet. Organisatorische Maßnahmen, Prozessverbesserungen und Führungsaufgaben werden nicht eingeplant. Später bleibt die Wirkung hinter den Erwartungen zurück, obwohl die Funktionen technisch vorhanden sind.

Nutzen, Potenzial und Einsparung unterscheiden

Für die spätere Wirtschaftlichkeitsrechnung müssen drei Begriffe sauber getrennt werden:

BegriffBedeutungBeispiel
NutzenQualitative oder quantitative Verbesserung für das UnternehmenStillstandsursachen werden transparent.
PotenzialWirtschaftlich mögliche Verbesserung unter definierten AnnahmenEin Teil der vermeidbaren Stillstandszeit kann reduziert werden.
Realisierte EinsparungTatsächlich erzielte und nachgewiesene wirtschaftliche WirkungDie produktive Maschinenzeit steigt nach umgesetzten Maßnahmen messbar an.

Diese Trennung verhindert, dass theoretische Möglichkeiten vorschnell als sichere Einsparungen dargestellt werden.

Arbeitshilfe: Von der betrieblichen Frage zum MES-Nutzen

  • Das betriebliche Problem ist konkret beschrieben.
  • Ursache und sichtbare Auswirkung werden unterschieden.
  • Die benötigte Information oder Funktion ist benannt.
  • Der veränderte Arbeitsablauf ist nachvollziehbar.
  • Der erwartete Nutzen ist realistisch formuliert.
  • Organisatorische Voraussetzungen sind berücksichtigt.
  • Eine spätere Messgröße ist festgelegt.
  • Nutzen, Potenzial und realisierte Einsparung werden nicht gleichgesetzt.

Ihr Nutzen

Sie können MES-Funktionen mit konkreten betrieblichen Problemen verbinden. Dadurch vermeiden Sie einen unnötig großen Funktionsumfang und schaffen eine belastbare Grundlage für Ziele, Potenzialanalyse, Budget und Lastenheft.

Entscheidungspunkt

Sind die erwarteten MES-Leistungen jeweils mit einem konkreten betrieblichen Problem, einem veränderten Arbeitsablauf und einem nachvollziehbaren Nutzen verbunden?

Ergebnis dieses Kapitels

Nach diesem Schritt besteht ein realistisches Verständnis dafür, welchen Beitrag ein MES leisten kann. Es wurde noch nicht entschieden, welche Module eingeführt werden. Ebenso wurden noch keine Einsparungen festgelegt.

Das Ergebnis sollte mindestens enthalten:

  • eine Liste der wichtigsten betrieblichen Probleme,
  • die jeweils benötigten Informationen oder MES-Funktionen,
  • den erwarteten qualitativen oder quantitativen Nutzen,
  • die organisatorischen Voraussetzungen für die Wirkung,
  • erste Messgrößen für die spätere Bewertung.

Im nächsten Kapitel wird geprüft, ob die Ausgangssituation und der Handlungsdruck eine vertiefte MES-Analyse rechtfertigen.